«Ich bin in alles hineingerutscht»

veröffentlicht am Donnerstag, 28.08.2014

Toggenburger Tagblatt

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«Ich bin in alles hineingerutscht»

Ivan Louis ist Unternehmer, Student und ein engagierter Toggenburger, egal ob in politischer oder kultureller Hinsicht. Für das Anfang September stattfindende Irish Open Air setzt er sich bereits zum zweiten Mal ehrenamtlich ein.

Yasmin Bleiker

Ivan Louis' Vorbild ist Helmut Schmidt. Warum? «Weil er so viel raucht», scherzt der Nesslauer. Nein, das sei nicht der Grund, er selber rauche ja nicht. Aber er schätze Schmidt für seine stets überlegten und knackigen Aussagen. «Ausserdem finde ich seine ganze Lebensgeschichte interessant.» Louis eigene Lebensgeschichte ist aber auch interessant. Mit seinen 24 Jahren hat er sich bereits einen Namen gemacht im Toggenburg. Selber sagt er: «Ich habe das Gefühl, ich bin in alles hineingerutscht.»

«Eine blöde Geschichte»

Man merkt, dass sich Louis in seinem Elternhaus in Nesslau wohl fühlt. Am Küchentisch erzählt er mit viel Witz von seinem Leben. Es schleichen sich immer wieder humorvolle Passagen ein, die er manchmal, ohne den Mund zu verziehen oder die Tonlage zu ändern, in seine Erzählungen einbaut. Dann wieder kann er das Lachen nicht zurückhalten. Lachen musste er auch bei der Frage nach seinem Namen. «Das ist eine ganz blöde Geschichte. Bevor ich geboren wurde, hat der Fussballspieler Iván Luis Zamorano erfolgreich beim FC St. Gallen gespielt. Da mein Vater ein grosser Fan vom FCSG ist, haben meine Eltern mich Ivan getauft.» Er verzieht etwas das Gesicht. Aber der Name sei schon in Ordnung: «Er ist wenigstens einzigartig.» Den Familiennamen Louis kenne man zum Glück in der Gegend. «Die Kombination ist aber schon speziell. Ich wurde auch schon einige Male auf meinen Namen angesprochen.»

Karrierestart mit 14

Seine Karriere hat Louis mit 14 Jahren begonnen und eine Firma gegründet, die Internetauftritte anbietet. «Wir haben in der Sekundarschule an einem Kurs gelernt, Websites zu erstellen. Danach habe ich angefangen, eigene zu gestalten.» Dann hat er mit dem Internetauftritt der Markthalle Toggenburg seinen ersten grossen Auftrag erhalten. «Ich habe an meinen freien Abenden gearbeitet und habe besser verdient als meine Mitschüler, die während der Ferien in der Fabrik gearbeitet haben.» Und so ging es weiter. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda kam Louis zu neuen Aufträgen. Auch zu seinem Engagement für das Irish Open Air ist er durch einen langjährigen Kunden gekommen. Seit er vor einem Jahr angefragt wurde, ist er ehrenamtlich für das Marketing und die Informatik des Events zuständig. Man merkt Louis seine Begeisterung für das Irish Open Air an. Schnell läuft er in einen Raum im Erdgeschoss, wo er kistenweise Plakate und Flyer für den Event aufbewahrt. «Ich habe hier sogar schon Flyer für das nächste Jahr», sagt er und zeigt stolz auf einen der Stapel. Zur Mitarbeit motiviert habe ihn, dass das Irish Open Air mittlerweile ein grosser Anlass in der Region sei. «Ich war ziemlich überrascht, als ich Leute aus Bern kennenlernte, die das Open Air kennen. Rietbad ist ja nicht unbedingt

Der Kanti-Fall

«Hineingeraten» ist Louis auch in ein in letzter Zeit viel diskutiertes Thema: der Standort der Kantonsschule. «Als ich die vielen Zeitungsartikel gelesen habe, die im Linthgebiet über das Thema erschienen sind, und da es bei uns keine öffentliche Debatte zum Thema gab, haben ich und eine ehemalige Klassenkollegin spontan beschlossen, eine Petition zu lancieren zugunsten des Standorts Wattwil.» Zum einen sei er selbst in diese Schule gegangen. «Zum anderen fand ich es unfair, wie die andere Seite des Rickens das Thema ausgenutzt hat.» Die Petition sei besser gelaufen als erwartet. Er werde auch zukünftig am Thema dranbleiben, sagt Louis mit Überzeugung. «Die Kanti war schon sanierungsbedürftig, als ich dort in die Schule ging. Es wird schon ewig darüber diskutiert. Deshalb bin ich der Meinung, dass man das Projekt vorantreiben sollte.» Die CVP jenseits des Rickens habe bereits angekündigt, dass sie die Bauvorlage bestreiten werde. Der Neubau oder die Sanierung könne sich also weiter verzögern.

Bildung und Transparenz

Louis' politisches Engagement kommt aber nicht von ungefähr. Auch wenn er geschätzte 30 Bücher über den SPD-Politiker Helmut Schmidt besitze und man meinen könne, er habe Entscheidungsschwierigkeiten, hat er sich für die SVP entschieden. Vor zwei Jahren hat er für den Kantonsrat kandidiert. «Ich bin sehr zufrieden mit dem Resultat. Durch zwei Rücktritte konnte ich bereits auf den ersten Ersatzplatz vorrücken.» Auch hier sei er «einfach hineingeraten». Durch seine Firma hatte er viele Kontakte mit Politikern. In den Jahren 2007/2008 und 2011/2012 hat er Websites für Politiker im Wahlkampf erstellt. «Als man im 2012 Kandidaten für die Kantonsratswahlen gesucht hat, kam auf einmal die Frage auf, warum ich nicht auch kandidiere. Da habe ich gefunden: wieso nicht?» So habe es sich dann ergeben. Louis will sich für die Bildung einsetzen und für mehr Transparenz. Anhand des Kanti-Falls lasse sich zeigen, wie wichtig Transparenz sei. «Sie haben einen sauberen Entscheid gefällt und hätten ihn auch gut begründen können. Aber die Kommunikation war einfach eine Katastrophe. Man hätte sich riesige Diskussionen ersparen können.»

Raketen anstatt Kuhglocken

Einige Entscheide fällt Ivan Louis bewusst. Für ihn war zum Beispiel schon lange klar, dass er an der HSG studieren wollte. Nach einem Jahr Durchdiener («zum Glück ist das vorbei») hat er an der HSG begonnen, Wirtschaft und Recht zu studieren. Den Bachelor hat er bereits in der Tasche und ist noch ein Jahr von seinem Masterabschluss entfernt. Im September hat er vor, für ein Austauschsemester nach Israel zu reisen. Dort wird er für vier Monate in Haifa studieren. «Ich habe die bestmögliche Destination ausgesucht», erzählt er lachend. Als er sich vor einem Jahr dazu entschieden habe, sei die Situation noch nicht so kritisch gewesen. «Ich schaue einfach einen Tag vor der Abreise, wie es aussieht, und entscheide spontan.» Louis hat über ein Austauschprogramm zwei Israeli kennengelernt. «Sie schätzen die Lage als nicht sehr kritisch ein. Aber es ist eben schon etwas anderes, wenn man auf einmal von Raketen geweckt wird anstatt von Kuhglocken.»

«Ich schaue, wie es kommt»

Im Moment sieht der Nesslauer seine Zukunft als Anwalt im Toggenburg. «Das Problem ist, dass hier noch das Faustrecht gilt und es daher nicht viele Anwälte braucht», scherzt er. Fixe Zukunftspläne hat er aber noch nicht. «Ich finde es unnötig, so weit voraus zu planen.» Nach dem Studium werde er entweder eine Praktikumsstelle in einer Anwaltskanzlei suchen oder einen zweiten Master anhängen, in Accounting und Finance. «Ich schaue, wie es kommt. Viele bestehen die Anwaltsprüfung nicht oder finden keine Praktikumsstelle.» Er habe sich deshalb nicht fixiert und könne sich auch ein IT- oder medienlastiges Praktikum vorstellen. Ivan Louis' bisheriges Leben verspricht auf jeden Fall keine Langweile. Vielleicht wird er wieder irgendwo hineinrutschen. Oder ganz bewusst eine Entscheidung fällen.


«Ich bin in alles hineingerutscht» (Donnerstag, 28.08.2014)

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