Festrede Abschlussfeier Gymnasium und FMS Kantonsschule Wattwil

veröffentlicht am Mittwoch, 05.07.2017


Festrede Abschlussfeier Gymnasium und FMS Kantonsschule Wattwil

Liebe Maturandinnen und Maturanden, Geschätzte Eltern und Angehörige, Geschätzte Gäste, Geschätzte Schlafende, die anscheinend das Ende des letzten Gottesdiensts verpasst haben

Gerne begrüsse ich Sie hier in der evangelischen Kirche Wattwil. Was jetzt folgt ist nicht Teil einer Predigt, sondern mein Beitrag zu dieser Abschlussfeier vom Gymnasium und der FMS der Kantonsschule Wattwil.

Für Sie – liebe Maturandinnen und Maturanden – geht heute wohl ein sehr spannender Lebensabschnitt zu Ende. Vor rund acht Jahren sass ich auch in diesem Gebäude und empfing – wie Sie heute – das Abschlusszeugnis. Es kann sein, dass Sie heute froh sind, wenn Ihre Kantizeit langsam endet. Gerade jetzt nach den Maturaprüfungen. Ich garantiere Ihnen aber: In einigen Jahren schauen Sie mit gewisser Wehmut auf diese Zeit zurück. Sie werden zurückschauen und feststellen, wie unbeschwert die Zeit in der Kantonsschule war. Und sie werden auch feststellen, dass die Maturareise einfach zu laut war!

Wenn ich hie und da wieder in der Kanti bin, ist es ein bisschen wie nach Hause kommen. So viel hat sich in den letzten Jahren gar nicht geändert. Auf der personellen Seite zum Beispiel: Martin Gauer ist Rektor, wenn ich Franz Hahn irgendwo sehe, habe ich heute noch das Gefühl, irgendetwas auf Französisch stottern zu müssen – ich habe noch heute Angst vor ihm. Bereits mein Maturazeugnis wurde von Regierungsrat Stefan Kölliker unterschrieben.

Leider hat sich auch baulich an der Kanti selbst nicht viel geändert – noch immer fangen Eimer das Wasser auf, das aus der Decke dringt. Die Plättchen sind auch noch immer grün. Noch immer werden die persönlichen Schränke zum Verstecken von Baileys missbraucht – vermute ich jetzt einmal, ich wüsste nicht, warum sich das in den letzten Jahren verändert haben soll. Und ich sehe noch immer nicht, wie das Gebäude an einen Kristall erinnern soll. Eine ehemalige Klassenkollegin, die in der Zwischenzeit Kunstgeschichte studiert hat, versuchte mir das vergangenen Montag nochmals zu erklären. Leider erfolglos.

In einem Zimmer hat sich aber baulich mehr geändert: Im Zimmer 17 – das für Laien auch als Restaurant National bekannt ist. Es freut mich immer, wenn ich sehe, dass das Nats noch immer ein Treffpunkt der Kantischüler und auch der ehemaligen Kantischüler ist.

Als ich die Anfrage für diese Festrede erhielt, habe ich mich gefragt, was ich Ihnen mit auf den Weg geben kann. Ich habe mich vor allem gefragt, was ich heute froh wäre, wenn mir das jemand vor acht Jahren einmal gesagt hätte. Meine Gedanken dazu möchte ich unter der etwas vereinfachten Losung «bleiben Sie neugierig» zusammenfassen. Bleiben Sie neugierig. Seien Sie gespannt, was das Leben bringt. Haben Sie Lust auf Neues – bleiben Sie damit auch lern- und anpassungsfähig. Für Sie alle beginnt jetzt wohl ein Lebensabschnitt, wo Sie auf ein neues Umfeld treffen werden. Ganz egal was Sie jetzt tun – ob Sie eine weiterführende Schule besuchen, ob Sie den Militärdienst absolvieren, ob Sie ins Berufsleben einsteigen oder irgendetwas anderes machen. Sie werden auch weiterhin ganz generell auf eine sich rasch verändernde Welt treffen. Versuchen Sie nicht, Ihr Leben allzu genau planen zu wollen. Gerade im Berufsleben, wo ihre Vorvorgänger mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein Leben lang im gleichen Berufsfeld tätig waren, haben Sie keine Garantie mehr. Sie haben keine Garantie, dass es Ihr Berufsfeld in zwanzig Jahren noch gibt. Sie haben keine Garantie, dass Ihre Tätigkeit nicht etwa wegautomatisiert wird. Wenn Sie nicht geistig agil bleiben, neugierig bleiben, werden Sie überholt. Die Kanti hat Ihnen das Rüstzeug gegeben, um in Ihrem Leben selbst die treibende Kraft zu sein. Nutzen Sie es.

Bleiben Sie neugierig – wagen Sie damit auch Neues. Wagen Sie es zu scheitern. Es kann sein, dass Dinge, die Sie in Angriff nehmen, scheitern werden. Scheitern ist immer auch lehrreich. Leider ist es auch weiterhin so, dass Scheitern – egal in welchem Bereich des Lebens – mit einem gesellschaftlichen Stigma verbunden ist. Legen Sie nicht allzu viel Wert darauf, was andere Leute von Ihnen denken. Wenn ich heute auf die besten Entscheidungen zurückschaue, die ich in den letzten acht Jahren getroffen habe, hatte ich bei diesen regelmässig am meisten Kritiker. Fällen Sie Ihre eigenen Entscheidungen – wagen Sie es damit auch zu scheitern.

Einige von Ihnen traten kürzlich den Militärdienst an – oder tun dies bald. Ich möchte noch einige Worte direkt an Sie richten. Vielleicht erscheint Ihnen diese Zeit nun sehr hart. Bei mir war es vor acht Jahren zumindest so. Der Kontrast ist riesig: Von der Kantizeit mit der sehr weitgehenden persönlichen Freiheit ins Militär, wo freies Denken nicht immer gewünscht und kritisches Hinterfragen des eigenen Tuns oftmals gar abgestraft wird. Aber Verzagen Sie nicht: Wie gesagt habe ich mich sehr schwergetan mit der militärischen Lebensstruktur. Das Militär wirkte aber langfristig wie eine riesige Motivationsspritze auf mich. Sie werden nach der Dienstzeit Motivation in einem unerwarteten Ausmass finden, um etwas zu lernen und etwas zu leisten. Falls Sie im Anschluss etwa ein Studium in Angriff nehmen, wird Ihnen diese Lebenserfahrung sehr helfen. Und Sie werden wahrscheinlich Freundschaften schliessen, die ein Leben lang halten und Ihr Leben bereichern werden.

Aber egal was Sie nun nach der Kantizeit tun werden, Sie befinden sich mitten in einer Gesellschaft, die sich weiterhin rasant verändert. Getrieben etwa durch die fortlaufende Digitalisierung und andere Megatrends. Nur ein kleines Beispiel, wie stark sich unsere Gesellschaft durch die Digitalisierung verändert hat. Als ich mit der Kanti anfing, gab es gewisse Regeln, die Eltern Ihren Kindern mit auf den Weg gaben. Beispielsweise: Steigt nicht bei Fremden ins Auto. Oder: Trefft keine Fremden, die ihr aus dem Internet kennt. Heute ist die Abkehr von diesen zwei Leitsätzen etwa genau das Geschäftsmodell von UBER – man steigt bei einem Fremden, den man vom Internet kennt, ins Auto. Wir sehen, dass das Tempo der Veränderung in unserer Gesellschaft ist hoch. Das kann man bedauern, aber man kann es kaum ändern. Damit Sie nicht untergehen, empfehle ich Ihnen, sich zu verwurzeln. Schlagen Sie, in den verschiedenen Phasen Ihres Lebens, Wurzeln. Brechen Sie auch Brücken hinter sich nicht ab. Pflegen Sie die Freundschaften aus Ihrer Kantizeit. Besuchen Sie dazu zum Beispiel etwa das Nats mit Ihren Freunden – oder treten Sie der Ehemaligenvereinigung, dem Kantonsschulverein Toggenburg-Linth bei. Wenn Sie in jungen Jahren Ihre Wurzeln schlagen, haut Sie auch der Wind der Veränderung nicht aus der Bahn.

Mit diesen Worten bedanke ich mich für die Aufmerksamkeit. Ich gratuliere Ihnen zu diesem Erfolg und wünsche einen schönen Abschlussball morgen und sowie alles Gute bei neuen Taten! Danke – und es schololo uf üsi Maturande!

 

 

Posted by Ivan Louis on Freitag, 7. Juli 2017

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